Schwarze Schwäne

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Einer, der diesen Begriff populär gemacht hat, ist Nassim Nicholas Taleb. In dem 2007 erschienenen Bestseller, der Schwarze Schwan, prognostizierte er die Finanzkrise, die dann tatsächlich eintrat. Daniel Kahneman, Träger des Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2002, sieht in Taleb einen der weltweit bedeutendsten Intellektuellen.  

Taleb beschäftigt sich als Wissenschaftler mit den Methoden zur Berechnung und Interpretation von Zufallsereignissen und dem Umgang mit unvorhersehbaren seltenen, aber wirkungskräftigen Ereignissen – den Schwarzen Schwänen. Ein weiteres Buch, Narren des Zufalls, ist ein Kultbuch an der Wall Street, und wurde in 23 Sprachen übersetzt.

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Taleb ist der Meinung, dass Naturwissenschaftler, Ökonomen, Historiker, politische Entscheidungsträger, Geschäftsleute und Banker Opfer einer Illusion sind. Sie überschätzen den Wert rationaler Erklärungen für beobachtete Daten, und unterschätzen das Auftreten unerklärbarer Zufälligkeiten in genau diesen Daten. Taleb kommt zu dem Schluss, dass wir viel weniger wissen als wir meinen zu wissen. Wir sollten die Vergangenheit nicht dazu benutzen, die Zukunft zu prognostizieren. Zitat: Wir sollten unsere Überzeugungen nicht nach ihrer Plausibilität bewerten, sondern nach dem Schaden den sie anrichten können. [1] 

Aber warum tun die Menschen so, als ob rationale Erklärungen mit kontrollierten Maßnahmen die Zufälligkeiten entsprechend beeinflussen könnten? Taleb sagt dazu, dass die Menschen schwarze Schwäne ignorieren, weil damit die Welt geordneter betrachtet werden kann. Damit wird die Welt, zumindest vom Verstand her, kontrollier- und formbar. Doch das ist eben die Illusion. Taleb spricht von dem Triplett der Opazität. Damit postuliert er die Illusion, gegenwärtige Ereignisse zu verstehen. Die historischen Ereignisse werden retrospektivisch verzerrt, und es kommt zur Überbewertung von Sachinformationen in Kombination mit der Überbewertung der intellektuellen Elite.  

Menschen neigen dazu, die Karte fälschlich für das Territorium zu halten. Man konzentriert sich auf die Karte, man gibt der Karte sogar den Vorzug, diese als Realität anzuerkennen. Die geordneten Strukturen werden der ungeordneten Lebensnatur vorgezogen. Wenn dann aufgrund dieser begrenzten Sichtweise ein Fehler entsteht, dann erkennen wir diesen leider erst im Rückblick. [2] Dabei sehen wir wiederum nur die augenfälligen und sichtbaren Konsequenzen. Die unsichtbaren, nicht ins Auge stechenden Konsequenzen nehmen wir weiterhin nicht wahr. Was, wenn die nicht augenfälligen Konsequenzen weit bedeutungsvoller waren? [3]  

Die Welt ist eben nicht so linear und rational erfassbar, wie man es zu wünschen hofft, und wie die Wissenschaftler so gerne annehmen möchten. [4] Die lineare Welt gibt es nur in den Klassenzimmern und Lehrbüchern. In der Wirklichkeit ist die Linearität eine Ausnahme. Und doch kann man sich von der Sichtweise der Linearität nicht trennen. Menschen wollen das als Real ansehen, um das Leben so in den Kopf zu bekommen, um das Leben erklärbar zu machen. Menschen versuchen damit die Zufälligkeiten in den Griff zu bekommen. 

Die schwarzen Schwäne sind dann das, was man bei all den Vereinfachungen weglässt. [5] Irgendwann, scheinbar aus dem Nichts, taucht ein Schwarzer Schwan auf. Dann sind wir erstaunt und meist auch bedenklich unvorbereitet. 

Mit den schwarzen Schwänen hat es jedoch noch etwas auf sich. Schwarze Schwäne stehen nicht nur für die scheinbar unerwarteten Ereignisse, sondern auch für die Hoffnung, dafür, es möge so kommen, wie man es sich wünscht. Man setzt auf das Schicksal, auf die Zufälligkeit, und bittet Fortuna um das Glück des Zufallstreffers. Von diesem Standpunkt aus, sucht man die Schwarzen Schwäne, und fordert diese heraus sich zu zeigen. Das ist das Paradoxon der Schwarzen Schwäne, und das Paradoxon des Denkens der Menschen. [6] 

Wie kann man dann noch an irgendeine Wissenschaft, an eine Theorie, an ein Planen mit Zielvorgaben und entsprechenden Maßnahmensetzungen glauben? Was wirkt tatsächlich? Der Herausforderung Leben muss sich jeder stellen. Der Herausforderung, bewusst und reflektiert mit Technik, Wissenschaft, mit Zufälligkeiten und Verdrängungsmechanismen umzugehen, muss sich jeder stellen. Dann wären die Schwarzen Schwäne vielleicht auch nicht so gefährlich. Wenn man die jeweiligen Konsequenzen etwas genauer betrachten würde, könnte man schon erkennen, was alles unsichtbar wirkt, und welche Auswirkungen in Erscheinung treten könnten. Dann wären die Schwarzen Schwäne weniger mystisch, und erscheinen nicht vollkommen überraschend, ohne sich auf dieses Treffen entsprechend vorbereitet zu haben.

 

 

[1]    Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Nassim_Taleb. 15.04.2012.
[2]    Vgl. Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010.
[3]    Vgl. Taleb, Nassim Nicholas: ebd. S. 144f.
[4]    Vgl. Taleb, Nassim Nicholas: ebd. S. 118.
[5]    Vgl. Taleb, Nassim Nicholas: ebd. S. 95.
[6]    Vgl. Taleb, Nassim Nicholas: ebd. S. 142.

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